Die Firmenneugründung der Firma Dr. Ing. Rudolf Hell GmbH in Kiel 1947

Interview zwischen Christian Sütel und Christian Onnasch, gehalten am 1. September 2001

Das Interview im PDF-Format  |  Das Interview als MP3-Audiodatei (30 min 28 MB)

Christian Sütel, 1925 in Mielkendorf bei Kiel geboren, Ausbildung zum Elektrotechniker in Kiel, Tätigkeit bei Dr. Hell ab Januar 1947. Ab 1957 Übernahme der Leitung der Reparaturabteilung. Lange stellvertretender Vorsitzender des Hell-Betriebsrates. 1971 als erster Vertreter der Angestellten Mitglied des Hell-Aufsichtsrates. Seit 1990 im Ruhestand. Als Hobby ist er Philatelist.

Christian Onnasch, 1938 geboren in Kiel, Studium als Ingenieur in Kiel, Tätig bei Dr. Hell seit Oktober 1963, zun?ächst in der Entwicklung, dann Aufbau und Leitung der Projektleitung für die Digiset-Satzmaschinen, Wechsel in den Marketing-Bereich und Leitung des Bereichs Pre-Press-Technik/Satz. Er verließ die Firma Dr. Ing. Rudolf Hell GmbH 1996 nach Übernahme der Firma durch Linotype, seit 1998 im Ruhestand. Autor der Heidelberg-Broschüre "Auf den Punkt gebracht..." (Hell-Firmengeschichte). Hobby: Filmen mit Schnitt und Vertonung.

Christian Sütel und Christian Onnasch erklären beide, dass sie mit der Veröffentlichung diese Interviews durch die Heidelberger Druckmaschinen AG ohne textinhaltliche Änderung einverstanden sind. Gezeichnet: Christian Sütel, Kiel und Christian Onnasch, Altenholz 12. September 2001

 

Christian Onnasch: Herr Sütel, ich freue mich, dass Sie zu mir gekommen sind, um zu erzählen, wie damals 1947 die später weltbekannte große Firma Dr. Ing. Rudolf Hell GmbH entstand. 1945 wurde in Berlin ja alles zerstört, was Herr Dr. Hell seit 1929 aufgebaut hatte. Auch in Kiel waren 1945 75% aller Häuser total zerstört. Selbst die wenigen noch erhaltenen Häuser waren fast alle stark beschädigt. Nun war Dr. Hell nach Kiel gekommen und Sie wurden sein erster Mitarbeiter. Wie kam es dazu?

Christian Sütel: Lassen Sie mich zuerst erzählen, was ich nach dem Krieg gemacht hatte, denn so können Sie erfahren, wie der erste Kontakt zu Herrn Dr. Hell entstand. Nach Kriegsende wurde ich von der Marine entlassen und suchte jetzt dringend eine Arbeitsstelle. Kiel lag ja in Schutt und Asche. Wir hatten weder Strom, noch Wasser oder Gas Ð gar nichts gab es. Die Telefonleitungen funktionierten nicht, es gab auch noch keine Verkehrsverbindungen. Alles war weg.

C.O.: Das war 1945.

C.S.: Ja, das war 1945. Dann fand ich zufällig eine Arbeitsstelle in Eutin. Dort hatten sich etwa 50 ehemalige Mitarbeiter der Firma Anschütz unter dem neuen Namen Phönix niedergelassen, die produzieren wollten: ein Filmvorführgerät, einen Verstärker und sogar Haarschneidemaschinen. Doch nach kurzer Zeit bemerkten die Engländer, dass dort mehr als drei ehemalige Anschützmitarbeiter zusammen arbeiteten. Da sie befürchteten, dass wieder Kriegsmaterial produziert werden würde, schlossen sie den Betrieb.

C.O.: Die Firma Anschütz gab es ja schon vor dem Krieg.

C.S.: Ja. So bekam ich also meine Kündigung zum 4. Januar 1947. Ich suchte also eine neue Arbeitsstelle. Mein damaliger Abteilungsleiter in Eutin war ein Herr Witthandt.

C.O.: Herr Witthandt? Hat er etwas mit unserem Ingenieur Helge Witthandt bei Hell zu tun, mit dem ich selbst später zusammengearbeitet habe?

C.S.: Ja, Helge war sein Sohn, er war damals ja noch ziemlich jung. Herr Witthandt (sen.) empfahl mir, mich bei seinem Kommilitonen Dr. Hell vorzustellen. Da mir der Name Hell nichts sagte, zeigte Herr Witthandt mir im Lexikon den Hellschreiber. Herr Witthandt meinte, er sei ohnehin am Sonntag bei Hells eingeladen, dann sage ich gleich, wer Sie sind, fügte er noch hinzu. So machte ich mich am Montag Morgen auf den Weg und fuhr mit der A.C.-Hansen-Fähre, die Blaue Linie, vom Bahnhof nach Dietrichsdorf. Als ich dort ankam, sah ich das alte beschädigte Haus und dachte, oh mein Gott.

C.O.: Das war das Gebäude des ehemaligen Werks I ?

C.S.: Ja, das war das erste Gebäude vom ehemaligen Werk I, so wie wir es hier auf dem Foto sehen. Es standen dort Schilder von drei Firmen: Breka, Verbandsstoff-Fabrik, Green, die Prothesen fertigten, und die Schlosserei Unfug. Und dann war da noch eine Post. Von Dr. Hell gab es kein Schild. Ich ging dennoch hinein, klopfte an, es öffnete Dr. Hell, hinter ihm stand seine Frau. Bevor ich mich vorstellen konnte, sagte er schon: "Herr Sütel, kommen Sie rein, wann wollen Sie anfangen? Am besten, Sie bleiben gleich hier."
 

C.O.: Ich habe mich 1963 bei Herrn Dr. Hell beworben, auch damals sagte er mir, ich solle doch gleich hier bleiben und anfangen - ohne auch nur ein Papier von mir vorgelegt zu haben, das war wohl seine Art.

C.S.: Ja, so war er damals. Ich fragte, was ich denn überhaupt machen sollte. „Ich habe soviel Arbeit, ich habe soviel Material bekommen, das haben die Engländer hierher gefahren, kistenweise Elektromaterial, zwei Lastwagen voll.” – „Wir haben jetzt den 5., gut am 9. komme ich,” sagte ich dann. „Das ist recht, dann kommen Sie nur am 9.” So habe ich am 9. Januar 1947 bei Dr. Hell angefangen.

C.O.: 1947 hatten wir einen ganz strengen Winter.

C.S.: Es war kalt! Wir trugen Handschuhe, ein kleiner Koksofen stand da, den habe ich erst einmal angeheizt. Eisbrecher fuhren dauernd durch den Kieler Hafen, um eine Fahrrinne für die Schiffe offen zu halten. Ich war noch gar nicht lange bei Dr. Hell, als dieser plötzlich zu mir sagte: „Herr Sütel, der Hafen ist zugefroren das Fördeschiff Ute stellt den Betrieb ein. Fahren Sie nach Hause und kommen Sie wieder, wenn die Fahrrinne wieder offen ist.” So musste ich ein paar Tage zu Hause bleiben.  Als es dann weiter ging, sagte er, wir sollten erst einmal Inventur machen und sehen, was sich in den Kisten befindet. „Bei dem Versuch eine Kiste ohne Werkzeug zu öffnen bin ich gescheitert,” sagte er. Ich antwortete: „Herr Dr. Hell, das ist gar kein Problem, ich bringe einen Kuhfuß mit.” Er sah mich unverständlich an: „Was ist denn das?” – Sie kennen doch einen Kuhfuß, Herr Onnasch, oder?

C.O.: Ja sicher, eine starke am Ende gebogene Eisenstange mit einer großen Hebelwirkung und einem Schlitz vorne. Wie viel Räume gab es denn damals bei Hells. Gehörten alle Räume zur Wohnung oder gab es schon Räume für eine Firma?

C.S.: Eine richtige Firma gab es noch nicht. Dr. Hell hatte die obere Etage des Hauses, das waren sechs Zimmer und eine Stirnseite, das müssen zusammen vielleicht 220 m2 gewesen sein. Er hatte dort sein Arbeitszimmer, sein Schlafzimmer, noch ein anderes Zimmer, gegenüber eine Küche, zwei leere Räume. In der Stirnseite lagerten die ganzen Kisten.

C.O.: Wohnung und Arbeitsräume, alles zusammen und unter einem Dach. Das stelle ich mir so vor, wie es zur Gründungszeit der Firma Hell 1929 wohl auch in Berlin gewesen war.

C.S.: Ja, die ganze Atmosphäre war sehr persönlich, ich hatte gar nicht das Gefühl, dass dies nun meine Arbeitsstelle war.

C.O.: Sie waren also die einzige Person neben Frau Hell und Herrn Dr. Hell.

C.S.: Neben mir gab bald noch eine Raumpflegerin, Frau Köhler. Frau Köhler wurde später als Mitarbeiterin der Firma übernommen.
 

C.O.: Was haben Sie, Herr Sütel, denn vorher gemacht, denn Sie mussten diese Materie ja beherrschen?

C.S.: Ich habe Elektromechanik gelernt. Auf dem Arsenal habe ich eine vielseitige Ausbildung genossen. Bei der Marine konnte ich meine Fähigkeiten verfeinern.  Während der Inventur habe ich dann auch eine von Herrn Dr. Hell bereits vermisste Drehbank entdeckt. Es war eine kleine Mechanikerbank, einen Meter lang, für welche wir dann einen Tisch suchten. Wir fanden aber nur einen 1,20 Meter hohen Schrank. Hierauf haben wir schließlich die Drehbank montiert. Das ging so ganz gut, ich war ja groß. Und wir waren stolz, dass wir jetzt eine Drehbank hatten. Als ich meine Inventur beendet hatte, sagte Dr. Hell: ”Nun haben wir einen Berg an Material, was können wir damit anfangen?” Ich schlug vor, Rundfunkgeräte zu bauen. Dr. Hell war verwundert, woher ich das konnte. Ich erklärte dazu, dass ich mir das in Eutin bei einem Arbeitskollegen, einem Rundfunkmechaniker, abgeguckt hatte. Dr. Hell räumte ein: „Da gibt es aber Schwierigkeiten, wir haben kein Gehäuse, kein Blech.” Durch gute Kontakte konnte ich auch diese Probleme lösen.
 
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C.O.: Die Rundfunktechnik haben Sie also erst nach dem Krieg gelernt?

C.S.: Ja, immer in der Mittagspause hatte der Kollege in Eutin daran gebastelt und ich hatte ihm dabei über die Schulter gesehen. Das schlimmste war ja immer die Röhrenheizung.

C.O.: Warum war das ein so besonderes Problem?

C.S.: Es gab ja nichts, auch keine Bleche für Trafos. Da haben wir alte Drosseln genommen und über die Drossel neue Wicklungen gelegt und so die Spannung für die Heizung abgenommen. So haben wir aus einer Drossel einen Trafo gemacht. Die 220 Volt haben wir als Anodenspannung genommen. Gleichrichter hatten wir. Das Gehäuse wurde von einem Modelltischler für 60 RM gebaut. Den kannte ich, da ich schon einige Zeit vorher begonnen hatte, auch privat Rundfunkgeräte zu erstellen. Denn von 50 RM in der Woche konnte man kaum leben. Ich erklärte Herrn Dr. Hell, dass ich mein Material über Beziehungen zur Firma Elac bezöge. Bei der Elac mussten Arbeitslose Geräte demontieren und ich zahlte für ein Kilogramm Elektromaterial 10 RM. Ich habe dann bei Dr. Hell fünf Geräte gebaut, diese wurden an die Handwerksbetriebe verschenkt wurden, die uns während der Aufbauphase unterstützt hatten.

C.O.: Es ging bei den Radios also noch gar nicht darum, Geld zu verdienen, es sollte erst einmal die Firma aufgebaut werden.

C.S.: Ja, es ging nicht um Profit; es ging darum, Kontakte zu knüpfen. So ging das auch nur ein paar Wochen, dann war die Radiogeschichte zu Ende. Im März 1947 kam Dr. Hell zu mir und sagte, dass wir am 1. April Mitarbeiter einstellen würden. Er stellte ein Sekretärin ein, Fräulein Möller, die spätere Frau Prestin, die ja bis zum Schluss die Sekretärin von Dr. Hell war. Neben Herrn Daudt, der später das Konstruktionsbüro geleitet hatte, wurde noch Herr Willrodt als erster technischer Zeichner eingestellt.

C.O.: Mehr Menschen wollten jetzt also beschäftigt werden, das ganz ohne neue Produkte, ohne Material, ohne Werkzeuge, und nur eine kleine Drehbank?

C.S.: Bei Aufräumungsarbeiten in Wellingdorf fanden wir bei einer Firma, die es schon nicht mehr gab, alte Maschinen, eine Fräsbank, eine Säulen-Bohrmaschine und einen Schleifstein. Diese Maschinen konnte Dr. Hell bekommen. Von Herrn Westphal, dem ehemaligen Direktor von HDW, erhielten wir noch zwei U-Boot-Drehbänke, die waren ganz neu und vollständig mit allem Zubehör versehen. Diese Maschinen mussten ja für ein U-Boot ganz besonders vielseitig sein. Bisher musste ich die Drehstähle, also die Werkzeuge für unsere kleine Mechanikerbank, aus Vierkantfeilen schleifen, denn schmieden und härten konnten wir ja noch nicht. Dann gab es auf dem alten Marinearsenal einen Signalturm, der sollte gesprengt werden. Darin lag aber jede Menge neues Elektromaterial. Für Bezugsscheine und mit Ausweis konnte man pro Person für 50 RM 50 Pfund Material mitnehmen. Das hatte ich erfahren und sofort fuhr ich mit Dr. Hell in seinem alten DKW dorthin. Da man mich dort von früher kannte, bekam ich den Schlüssel und wir konnten uns aussuchen, was wir brauchten. Instrumente, Schalter, Bauteile, alles war da. Da wir beim Betreten des Arsenals mit dem Auto gewogen wurden, hatte wir die schwierige Entscheidung zu treffen: Was sollten wir mitnehmen? Da wir sehr viel geladen hatten, stieg ich sicherheitshalber nicht mit ins Auto ein, sodass mein Gewicht beim Wiegen wegfiel. Das fiel niemandem auf, nur Dr. Hell nannte mich ein Schlitzohr.  Das Arbeiten im Labor war nicht einfach. Die Netzspannung fiel oft auf 180 Volt ab. Damit konnten wir nicht einmal löten. So haben wir hauptsächlich dann gearbeitet, wenn Howaldt Mittagspause machte, da stieg die Spannung wieder an. Unsere Pausen haben wir entsprechend verlegt. Auf dem Arsenal hatten wir dann aber einen leistungsstarken regelbaren Drehstromtrafo gefunden. Das war für uns die Lösung für das Spannungsproblem. So konnten wir auch dann arbeiten, wenn wegen der Belastung bei Howaldt die Netzspannung zu stark absackte.

C.O.: Ich entnehme Ihren Worten, dass es jetzt schon mindestens 5 bis 10 Mitarbeiter bei Hell gab. Da braucht man doch auch ein Telefon, eine Schreibmaschine, Material, um konstruieren zu können usw. Schließlich mussten die Ideen erst einmal aufs Papier gebracht werden, bevor man etwas bauen und verkaufen konnte.

C.S.: Unten war ja noch die Post im Hause. Bei der Post konnten wir telefonieren, ohne das Haus zu verlassen. Damals gab es noch das Fräulein vom Amt, das die Verbindungen herstellte. Man musste die Leitungen noch stöpseln. Für die Konstruktion fehlten Zeichenbretter, das war aber auch kein Problem, die Leute brachten ihre Bretter von zu Hause mit. Ebenso war es mit dem Werkzeug. Wir hatten ja nichts. Ich musste mein ganzes Werkzeug mitbringen. Und weil ich es auch zu Hause brauchte, musste ich es jeden Tag hin- und herschleppen. Als ich die Möglichkeit hatte, Werkzeuge zu besorgen, sagte Dr. Hell: „Kaufen! Immer kaufen.” Das Geld spielte, obwohl Dr. Hell anfangs ganz schön knapp dran war, später keine so große Rolle mehr, es war noch Reichsmarkzeit. Ich kaufte also Feilen, Hammer, Zangen, Bohrer, eine Bohrmaschine.

C.O.: Und so etwas gab es damals für Geld? Ich denke, man konnte nur auf dem Schwarzen Markt etwas gegen Zigaretten oder Lebensmittel eintauschen.

C.S.: Doch, das gab es auch für Geld, aber wir mussten ganz schöne Summen hinlegen. In Kiel gab es auch Tauschzentralen, kennen Sie die?

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C.O.: Ja, die gab es ja überall im Land. Man musste nur aufpassen, dass man da nicht betrogen wurde, dass also in einem Wollknäuel innen kein Zeitungspapier steckte.

C.S.: Ja richtig, so eine Tauschzentrale hatten wir am Alten Markt, das war Kloppenburg. Man tauschte etwas und musste dafür eine Gebühr bezahlen. So habe ich in der Tauschzentrale ein Multavi-2 bekommen. Dann fand ich noch eine Kapazitätsmessbrücke, so kamen wir zu unseren ersten Instrumenten. Zum Tauschen hatte ich nichts. Da die Sachen nicht sehr begehrt waren, bekam ich sie auch für Geld.
Samstags war grundsätzlich mein Beschaffungstag. Eigentlich hatten wir bei Dr. Hell eine sechs-Tage-Woche, aber Dr. Hell hatte am Sonnabend keine Lust zu arbeiten. Somit hatte auch ich Samstags einen bezahlten freien Tag den ich zum Rumstöbern nutzte. Ich habe die Schrotthändler abgeklappert, habe Messing und Buntmetalle besorgt, alles an Rohmaterial, was ich bekommen konnte, wir hatten ja nichts.

C.O.: Die Radioproduktion war ausgelaufen, andere Mitarbeiter kamen hinzu. Es musste also etwas anderes gewesen sein, womit jetzt die Mitarbeiter beschäftigt wurden.

C.S.: Es waren ja noch keine Leute für die Produktion da, ich war noch ganz allein. Die anderen zeichneten und konstruierten. Das Arbeitsgebiet von Dr. Hell vor dem Krieg waren ja Nachrichtengeräte, der Hellschreiber und Morse-Geräte. Seit Mai 1947 – glaube ich – ab es wieder eine gewisse Pressefreiheit. Die vorher von der Besatzung eingesammelten und in Hamburg eingelagerten Hellschreiber wurden jetzt von der dpa an viele Zeitungen verteilt. Da kam Herr Dr. Hell zu mir herein und fragte: „Wir sollen den Wartungsdienst für die Hellschreiber übernehmen, trauen Sie sich das zu?” Die dpa hatte selbst 20 Angestellte, aber die schafften das nicht.
Um den Wartungsdienst aufnehmen zu können, erhielten wir von der dpa eine komplette Austauschanlage. Beim Abholen in Hamburg wies Dr. Hell mich darauf hin, dass auf keinen Fall bekannt werden dürfte, dass wir beide die einzigen Techniker waren.

C.O.: Das klingt typisch nach Dr. Hell. Die Kunden durften niemals wissen, wie die Probleme intern gelöst wurden.

C.S.: Schon auf der Hinfahrt nach Hamburg, in dem alten DKW, einem Zweitakter und noch mit Speichenrädern, wunderte ich mich über den Eimer hinter dem Beifahrersitz. Als wir etwa in Neumünster waren, fing das Auto vorne an zu qualmen. Da sagte Dr. Hell: „Wir müssen eine Tankstelle anfahren. Ich brauche Wasser für den Kühler.”

C.O.: Und dafür hatte er also immer den Eimer dabei?

C.S.: Genau. Ich sagte, ich hätte noch eine Gießkanne, so eine alte Zinkkanne, die würde ich mitbringen. Das wäre aber nett, meinte Dr. Hell. Wir also hin zur Tankstelle, da sehe ich mir den Kühlerverschluss an, so etwas Vergammeltes, alles voller Grünspan und Kalk und undicht! So was hatte ich noch nie gesehen. Da sagte ich: „Wenn wir zu Hause sind, löte ich das vernünftig, so geht das doch nicht.” – „Meinen Sie, dass Sie das können?„ – ”Warum nicht? Einen großen Lötkolben haben wir doch schon besorgt.” Am Folgetag versuchte ich, das Auto zu reparieren, aber beim Löten wollte das Zinn einfach nicht binden. So musste ich den Kühler ausbauen. Die Schrauben konnte ich nicht lösen, ich musste sie aufschlagen. Als ich den Kühler wieder einbaute, kam Frau Hell. Sie fragt mich, wie es ginge. Ich sagte, ich müsste nur noch zu HDW rüber um ein paar Schrauben zu holen. Sie lief sofort zurück und sehr schnell kam Dr. Hell: ”Was wollen Sie? Sie wollen Schiffsschrauben holen von HDW?” Das Missverständnis konnte schnell geklärt werden und wir haben gelacht. Das Auto lief wieder und der Eimer konnte zu Hause bleiben.
So fuhren wir dann alle anderen Zeitungen an, in Lübeck, Hamburg, Uelzen, Husum, Flensburg usw., und wir haben überall einen Wartungsvertrag abgeschlossen, 75 RM pro Monat. Dr. Hell freute sich, dass er wieder eine Aufgabe hatte. Wenn wir unterwegs in Restaurants gegessen hatten, bezahlte immer Herr Dr. Hell, ich hatte die Lebensmittelkarten beschafft, ohne die hätten wir nichts bekommen.
Als ich eines Tages zu einem Notfall nach Flensburg gerufen wurde, ich hatte noch immer keinen Führerschein und öffentliche Verkehrsmittel standen nicht zur Verfügung, hatte mich Frau Hell hingefahren. Sie wartete draußen, bis ich  meine Arbeit beendet hatte. Als ich wieder zum Wagen kam, stand dieser ganz schräg. „Herr Sütel, wir haben Plattfuß.” Bei dem Versuch den Reifen zu wechseln, war Frau Hell gescheitert, so dass ich es machte.

C.O.: Kennen Sie irgendwelche Hobbys von Herrn Dr. Hell, die er zu der Zeit schon pflegte, sofern er dafür überhaupt Zeit hatte, vielleicht das Segeln?

C.S.: Gesegelt hatte er damals noch nicht. Aber Dr. Hell war ein begeisterter Motorradfahrer. Dazu fällt mir eine nette Geschichte ein, die Dr. Hell gern selbst zum Besten gab. Zum Wochenende war Dr. Hell oft mit seiner Frau Martha auf dem Motorrad auf Tour. Unterwegs redete und redete er mit seiner Frau, aber sie antwortete nicht. „Aber das war ja so bei meiner Frau,” erzählte früher Dr. Hell, „sie war ja oft schweigsam und antwortete nicht immer sofort.” Doch als er sich dann umsah, musste er feststellen, dass seine Frau gar nicht mehr hinter ihm saß. Sie hatte sich wohl beim Anfahren nicht richtig festgehalten, zum Glück war nichts Ernsthaftes passiert. Als Herr Dr. Hell bei einem unserer Kollegen dessen nagelneue BMW sah, war er so fasziniert, dass er sofort eine Probefahrt machen wollte. Und so drehte er ein paar Runden um die Firma. Auch als Autofahrer war Dr. Hell immer sehr schnell. Das Segeln kam erst später. Zuerst gründete er bei uns unten an der Schwentine einen Jugend-Segelklub für die Lehrlinge, dazu haben ihn auch andere gebracht, wie z.B. Hein Dahlinger.

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C.O.: Hatte er da schon seine Segeljacht Bavaria?

C.S.: Die erste Bavaria, er hatte vier Jachten in der ganzen Zeit, kam erst später. Was wir da alles eingebaut haben, die Schiffe waren voll gestopft mit Elektronik, soviel, dass die Wasserlinie bald zu tief
lag.

C.O.: Eine weitere Frage stellt sich, die nach dem Raum. Die Firma wuchs, dafür brauchte man auch mehr Platz. Wie konnte das Problem gelöst werden?

C.S.: Mittlerweile zogen die anderen Firmen aus dem Gebäude in Dietrichsdorf aus. Das war ein Grund, dass Dr. Hell dort blieb, obwohl er zwischendurch mal kurz an Lübeck gedacht hatte. Und dann hatten wir uns auch schon eingelebt, wir hatten ja in Kiel zwei wichtige Kunden, die Kieler Nachrichten und die Volks-
zeitung, bei denen wir oft waren. Diese beiden Zeitungen und auch die anderen 13 Betriebe, mit denen wir inzwischen einen Wartungsvertrag abgeschlossen hatten, verfügten über einen Fernschreibraum. Da standen auch die Hellschreiber. Die dort Beschäftigten waren fast alle ehemalige Funker und Offiziere. In Hamburg bei der Zentrale der dpa stand der Hellschreiber-Sender. Das war ein Lochstreifengesteuertes Gerät. Der endlose schmale Papierstreifen, der bei den Zeitungen aus dem Hellschreiber-Empfänger lief, wurde über eine Schreibmaschine geführt und die Leute mussten den Text lesen und abschreiben, eine mühselige Arbeit.
Wir versuchten, die Arbeit zu erleichtern. So bauten wir zunächst eine Aufwickeleinheit für die Streifen.
Ferner war das Einfärben der Walzen des Schreibers, was per Hand durchgeführt werden musste, eine Schmutzarbeit. Die Farbe hat man von den Fingern kaum entfernen können, sie war schlimmer als Teer. Wenn beim Drucken die Farbe wieder nachließ, musste eine neu eingefärbte Walze eingelegt werden.

C.O.: Es gab also offenbar beim Hellschreiber keine permanente Farbzufuhr für die Schreibwalze, ist das richtig?

C.S.: Ja, man hatte fünf Walzen, die man von einer Schachtel in die nächste legte, damit überschüssige Farbe abtropfen konnte. Wir haben uns dafür dann ein paar Erleichterungen ausgedacht. Wir bauten z.B. Einfärbvorrichtungen und Zangen zum Anfassen, zunächst 10 Stück. Die Sachen musste ich dann bei den Kunden verkaufen, 65 RM kostete die Zange, die Einfärbvorrichtung kostete über 300 RM. Die Zeitungen haben gestöhnt, es war so teuer.
Später haben wir für die Hellschreiber einen neuen Funkempfänger, den HE 5, gebaut, (Hellschreiber-Empfänger). Kurz vor der Währungsreform wurden die ersten Geräte fertig. Damals sollten sie 5500 RM kosten. Nach der Währungsreform verblieb nur noch ein Preis von DM 550. Die ersten fünf Geräte reichten
nicht aus, so mussten eine zweite Serie auflegt werden. Der neue Typ hieß dann HE 6 und kostete 650 DM.

C.O.: Dann war das neue Gerät auch besser als der HE 5?

C.S.: Nein, das kann man nicht sagen, es bekam eigentlich nur eine andere Farbe. Plötzlich erfuhren wir, dass in Hamburg bei der Ufa noch 110-Volt-Hellschreiber standen. Dr. Hell hatte die Geräte in Hamburg abgeholt. Wir wollten die Geräte dann für 220 Volt umbauen. Da gab es verschiedene Möglichkeiten, z.B. mit einem Trafo. Als ich dann die Rückwand des Geräts abnahm, sah ich, dass nur ein Schalter umzulegen war. Keiner hatte gewusst, dass die Geräte umschaltbar waren, denn sie wurden ja vor dem Krieg zu Tausenden bei Siemens und nicht bei Hell gefertigt.
Ich machte zu der Zeit einfach alles, ich war gleichzeitig Service- und Vertriebsmann, Konstrukteur, Einkäufer, Verkäufer. So sollte ich auch diese Geräte verkaufen.

C.O.: Wie sind Sie denn damals immer zu den Kunden gekommen, mit dem Bus oder Zug? Einen Führerschein hatten Sie doch nicht, wie Sie eben berichteten.

C.S.: Ja, mit dem Bus. Über der Schulter hatte ich immer an einem Riemen vorne einen Hellschreiber und hinten einen Funkempfänger als Austauschgeräte bei mir. Meine Werkzeugtasche hatte ich in der Hand. Und so war ich unterwegs, jede Woche, viele Tage.
Dann meldete sich wieder die dpa. Auch im Saarland seien Hellschreiber freigegeben. So musste ich auch dorthin, mit dem Zug natürlich. Wieder mit einer kompletten Anlage im Handgepäck bin ich also losgefahren und machte von Koblenz aus eine Rundreise.

C.O.: Ich kann mir fast vorstellen, wie das so weiterlief und ich bin sicher, dass Sie noch viele interessante und aus heutiger Sicht vielleicht auch lustige Details erzählen könnten. Ich möchte das Thema dennoch wechseln. Wie wurden Sie damals bezahlt? Gab es Spesen, Reisekostenersatz usw.?

C.S.: In dem Moment, in dem ich unterwegs war, bekam ich 10 Pfennige mehr in der Stunde. Dann bekam ich ein Tagesgeld von 6 RM und ein Übernachtungsgeld von 8 RM, so war das noch vor der Währungsreform. Das natürlich zusätzlich zu meinem Lohn.

C.O.: Konnte man für 8 RM übernachten?

C.S.: Das war sehr schwierig, aber sehr oft haben die Zeitungen dann die Übernachtung bezahlt. Meinen Wochenlohn gab es immer freitags, doch Dr. Hell vergaß häufig mich auszuzahlen, sodass ich ihn oft erinnern musste. Bezahlt wurde grundsätzlich in bar.
Ich bekam also jede Woche 50 RM, was eigentlich zu viel war. Nun fing ja Helga Möller am 1. April 1947 bei uns an. Sie musste meinen bisherigen Lohn aufrechnen. Sie kam eines Tages sie zu mir und sagte: „Herr Sütel, Sie müssen jetzt eine Woche umsonst arbeiten. Sie haben zu viel Geld bekommen. Dr. Hell hat Ihre Steuern, Krankenkasse, Arbeitslosengeld, einfach alles hat er an Sie ausgezahlt und nichts einbehalten” Dann kam Dr. Hell dazu und sagte: „Wir vergessen alles und fangen ganz neu an.” Seit dieser Zeit gab es dann auch regelmäßig Abrechnungen. Ich musste natürlich nicht eine Woche umsonst arbeiten.

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C.O.: Machen wir noch einen kleinen Sprung. Bisher ging es ja wesentlich um den Hellschreiber, noch gab es offenbar keine wirklich neue Idee, die in die Praxis umgesetzt wurde.

C.S.: Die erste neue Idee war die, einen Schreiber für die Morse-Empfänger zu entwickeln, die ja überall noch für die Nachrichtendienste im Einsatz waren. Die Funker waren ja noch da, sie kannten ja alle das Morse-Alphabet. Manche Morse-Stationen sendeten aber, weil sie von Lochstreifen gesteuert wurden, weit mehr als 150 Zeichen in der Minute, und das konnte auch ein guter Funker nicht mehr mitschreiben. Also wollte man eine Maschine für die Aufzeichnung der Signale haben. Diese Maschine, die wir dann bauten, schrieb dann also Punkte und Striche auf ein Papier, und das konnten die ehemaligen Funker später lesen und mit einer normalen Schreibmaschine in Buchstaben umsetzen. Die Post wollte fünf Geräte haben, auch noch ein paar Zeitungen brauchten welche. Die Serien waren damals noch immer sehr klein.

C.O.: Der Hellschreiber schrieb also Buchstaben auf einen Papierstreifen, der Morse-Empfänger
Punkte und Striche, die noch von Funkern auf Normalpapier und in lesbare Buchstaben
übertragen werden mussten. Bis zu den heute bekannten großen Erfolgen der Nachkriegs-
zeit war also noch ein großer Schritt zu gehen.

C.S.: Ja, aber dann gab es bald fünf neue Mustergeräte, die bei uns noch vor der Währungsreform, die war ja im Juni 1948, entwickelt wurden. Eigentlich waren dies die ersten Blattschreiber von Hell. Mit diesen Geräten wurden die Signale für den alten Streifen-Hellschreiber umgewandelt und die Buchstaben wurden erstmals zeilenweise untereinander auf Endlospapier geschrieben. Über ein Farbband wurde durch Druckelemente die Einfärbung auf dem Papier verursacht. Es mussten also keine Farbwalzen mehr eingefärbt werden und man hatte als Ergebnis sofort ein großes Blatt Papier, auf dem die empfangene Nachricht aufgezeichnet war. Fünf Geräte haben wir sofort in Schleswig-Holstein an Zeitungen verkauft, dann wurde die Fertigung von Siemens übernommen. Die Serienfertigung begann dann um 1949, also nach der Währungsreform. Die Hellschreiber mit den Papierstreifen wurden in einer abgewandelten Form später auch noch für die Bundesbahn gebaut. Damit haben sich die Bahnstationen untereinander verständigt. Auch dieses Gerät wurde von Siemens übernommen und dort gefertigt.

C.O.: Die Währungsreform war vorüber und es ging überall wieder bergauf. Man hatte endlich wieder wertvolles Geld, zumal die Löhne und Gehälter im Gegensatz zum Geldvermögen auf der Bank nicht 1:10 reduziert wurden, sondern im Verhältnis 1:1 weitergezahlt wurden. Plötzlich gab es wieder Waren zu kaufen. Bei Hell kamen dann doch sehr schnell ganz neue Geräte wie Faxsysteme, der Klischograph und Scanner. Können Sie zu diesen Entwicklungen etwas sagen?

C.S.: Noch vor der Währungsreform tauchte Herr Mebes bei uns auf. Er brachte einen Lkw mit Teilen für Telebildgeräte mit, ich weiß nicht woher. Aus diesen Teilen konnten wir tatsächlich ein Telebildempfänger zusammenbauen. Dann mussten wir uns mit den Japanern über die Frequenzen einigen, dafür reiste Herr Mebes nach Japan. Denn wenn man weltweit Bilder übertragen wollte, musste man sich auf eine Norm einigen. Als wir schließlich eine Anlage fertig hatten, gab es in Kiel eine Pressekonferenz, dort waren etwa 20 Schweden, 25 Holländer, viele Deutsche und andere. Dort wurde das Telebildsystem vorgeführt. Alle waren begeistert, nur ein Holländer nicht, der seinen Zeitungsbetrieb auf dem Lande hatte. „Wenn ich ein aktuelles Titelbild habe,” sagte der Mann, „dann muss ich damit ja doch erst nach Amsterdam zur Klischeeanstalt. Da nützt mir die schnelle Übertragung auch nichts. Ebenso schnell kann ich mir dann die Bilder auch bei der Agentur aussuchen und benötige keinen eigenen Telebildempfänger.” Dr. Hell antwortete daraufhin sofort: „Ich baue Ihnen eine Maschine, damit Sie von dem empfangenen Bild sofort auch zu Hause ein Klischee erstellen können.” Das erste von Herrn Mebes gefertigte Telebild-Empfangsgerät. Entwickelt wurde es für die Deutsche Bundespost. Es wurden lediglich fünf Geräte gefertigt. In Deutschland konnten Telebilder ausschließlich von der Bundespost gesendet und empfangen werden.

C.O.: Hat Dr. Hell in diesem Moment schon an das Gravieren eines Klischees gedacht?

C.S.: Das weiß ich nicht, aber er wusste, dass es früher schon Versuche gegeben hatte, ein Klischee zu gravieren. Auch die anderen Interessenten machten dann den Kauf des Telebildgerätes von der Zusage der Graviermaschine abhängig. Und so entstand die erste Graviermaschine: der Klischograph K 151.

C.O.: Hieß die Maschine so, weil gerade das Jahr 1951 geschrieben wurde?

C.S.: Das kann sein, aber das weiß ich nicht genau. Da das Gerät eigentlich noch gar nicht entwickelt war, stellten wir den Kunden als Zwischenlösung ein Holzmodell vor. Als die Kunden das sahen, kauften sie die Telebildgeräte, obwohl es die Graviermachine für die Klischees ja noch gar nicht gab. Die Nachfrage was so groß, dass sie kaum von uns zu erfüllen war. So hatte ein ganz neues Gerät den Verkauf eines schon vorhandenen Gerätes erst so richtig beflügelt. Herr Taudt, später ja Leiter der gesamten Entwicklung, war schon 1948 als 20. Mitarbeiter eingestellt worden und übernahm bald die Entwicklung des Klischographen. Dafür benötigte er zur Ansicht alte Zink-Klischees und bat mich, diese aus Flensburg mitzubringen.

C.O.: Gemeint waren also die noch geätzten Zink-Klischees, wie sie damals bei Zeitungen üblich waren.

C.S.: Ja, die geätzten Platten. Die Leute von der Flensburger Avis, der dänischen Zeitung, wunderten sich, wofür ich denn diese alten Klischees benötigte. Sie konnten sich kaum vorstellen, dass so eine Maschine entwickelt werden sollte. Und dann begann zu Hause die Entwicklung des Klischographen K 151. Graviert wurde dann aber doch auf Nolar-Folie.

C.O.: Ist Nolar nicht ein Kunstwort? Wie kam es zu diesem Namen?

C.S.: Bei Hell gab es oft Preisausschreiben, um Namen für die Produkte zu finden. Wir benutzten für den ersten Klischographen K 151 statt der Zinkplatten dann Astralon-Platten, das war ein Kunststoff. Da die Kunden das nicht wissen sollten, wurde in einem Preisausschreiben für die Platten der Name Nolar gefunden. Es waren die letzten Buchstaben von Astralon, einfach rückwärts gelesen. Auch der Name Klischograph entstand über ein solches Preisausschreiben. Als Preise gab es mal Geld, oder mal einen Elektrokocher oder andere Sachen. Aber lassen Sie mich erzählen, wie wir dann die Klischographen auslieferten. Da ich sehr viel unterwegs war und noch immer keinen Führerschein hatte, meinte Herr Dr. Hell, dass es an der Zeit wäre einen zu machen. Es wollte ihn bezahlen. Schon am selben Tag ging es los. Das war 1953. Im Januar 1954 hatte ich dann also den Führerschein gemacht und sofort musste ich mit dem VW-Bus los. In einen solchen Bus passten zwei Geräte des K 151. Da der Boden des Autos aber für eine so schwere Punktbelastung nicht geeignet war, der schwere Klischograph stand ja nur auf vier Füßen, mussten wir eine große Eisenplatte auf den Boden legen. Die erste Reise, die ich machen musste, führte mich nach Burgdorf und nach Passau. Burgdorf liegt bei Bremen und Passau am ganz anderen Ende von Deutschland.  Jeder Kunde wollte das erste Gerät haben. Ich musste schwindeln wie noch nie, jeder bekam also immer das erste Gerät. Fast 50 Kunden haben so das erste Gerät bekommen. Ich musste nicht nur die Geräte aufstellen und die Leute einweisen. Wir hatten auch Probleme mit Chemigraphen, die sich gegen die Maschinen wehrten. Ich musste dann während eines Streiks, der sich gegen unsere Maschinen richtete, sechs Wochen lang für die Düsseldorfer Zeitung die Klischees schneiden. Die Zeitung sammelte damit die besten Erfahrungen und war an der alten Ätztechnik nun gar nicht mehr interessiert. Es war ja auch eine Frage der giftigen Gase für die Mitarbeiter, gefährlich konnte die Chemie auch sein.
Die erste Klischographen-Serie bestand also aus 50 Maschinen. Auf der Drupa 1954 wurden die Geräte der Öffentlichkeit vorgestellt. Ich musste für den Stand der Heidelberger Druckmaschinen AG Klischees gravieren, mit denen dann die Heidelberger ihre Messezeitungen gedruckt hatten. Selbst der Bundespräsident Heuss war begeistert, als er sein Foto 30 Minuten nach der Aufnahme gedruckt sehen
konnte. So ging es dann weiter, wir lieferten, die Kunden sammelten Erfahrungen. Es kamen neue Wünsche, die Dr. Hell wieder in neue Ideen und neue Geräte umsetzte. Das Gebäude in Dietrichsdorf wurde erweitert, zuerst wurde der eine und später der andere Flügel an das alte Haus angesetzt. Auch das Personal wurde jetzt sehr schnell aufgestockt. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Wie auf dem Windjammer Christian Radich Hell-Wetterkartengeräte zum Einsatz kamen oder wie ein Klischograph K 155 auf einem Kreuzfahrer eingesetzt wurde.  Auch über die soziale Seite von Dr. Hell müsste man noch etwas sagen. Er baute Wohnungen für seine Mitarbeiter, er gründete für alle eine Altersfürsorge-Versicherung. Ich erinnere mich gern an die vielen Betriebsfeste, von denen ja auch einige auf einem Schiff stattfanden. Die Tatsache, für so einen Mann wie Dr. Hell zu arbeiten, der den Kopf und die Schubladen voller Ideen hatte, das war für mich und die meisten der Kollegen eine Freude. Der Begriff Hell-Familie, wie er ja Jahre lang im Kreis der Mitarbeiter umherging, spiegelt dieses Gefühl wohl am besten wider.

C.O.: Ich kann, obwohl ich ja erst 1963 dazugestoßen bin, das bestätigen und habe auch noch solche Feste mitgemacht. Wir können ja vieles inzwischen nachlesen. Es gab sehr bald ganz neue Gerätefamilien. Aus den Klischographen entwickelten sich die Tiefdrucksysteme und die Scanner. Bald darauf kam der Digiset. Und viele andere Entwicklungen sind hier noch gar nicht angesprochen worden, wie die Matrizengeräte, die Faxgeräte, die Wetterkarten-Übertragungsgeräte und auch viele kurzlebigere Spezialentwicklungen. Man kann vieles in der Broschüre »Auf den Punkt gebracht ...« nachlesen. Und
dennoch, glaube ich, würden wir noch vieles nicht erwähnt haben, was wichtig und interessant oder nur lustig gewesen wäre.

Lieber Herr Sütel, ich danke Ihnen für das Gespräch. Ich glaube, wir können uns jetzt viel besser vorstellen, wie damals aus dem Nichts, oder besser gesagt, wie aus ein paar Materialkisten nach dem Krieg und vielen Ideen sowie einer großen Portion an Organisationsvermögen und Improvisation diese große und großartige Firma entstanden ist.

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