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C.O.: Was haben Sie, Herr Sütel, denn
vorher gemacht, denn Sie mussten diese Materie ja beherrschen?
C.S.: Ich habe Elektromechanik gelernt. Auf dem Arsenal habe ich
eine vielseitige Ausbildung genossen. Bei der Marine konnte ich
meine Fähigkeiten verfeinern. Während der Inventur habe ich
dann auch eine von Herrn Dr. Hell bereits vermisste Drehbank
entdeckt. Es war eine kleine Mechanikerbank, einen Meter lang, für
welche wir dann einen Tisch suchten. Wir fanden aber nur einen 1,20
Meter hohen Schrank. Hierauf haben wir schließlich die Drehbank
montiert. Das ging so ganz gut, ich war ja groß. Und wir waren
stolz, dass wir jetzt eine Drehbank hatten.
Als ich meine Inventur beendet hatte, sagte Dr. Hell: ”Nun haben wir
einen Berg an Material, was können wir damit anfangen?” Ich schlug
vor, Rundfunkgeräte zu bauen. Dr. Hell war verwundert, woher ich das
konnte. Ich erklärte dazu, dass ich mir das in Eutin bei einem
Arbeitskollegen, einem Rundfunkmechaniker, abgeguckt hatte. Dr. Hell
räumte ein: „Da gibt es aber Schwierigkeiten, wir haben kein
Gehäuse, kein Blech.” Durch gute Kontakte konnte ich auch diese
Probleme lösen.
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C.O.: Die Rundfunktechnik haben Sie also erst nach dem Krieg
gelernt?
C.S.: Ja, immer in der Mittagspause hatte der Kollege in Eutin daran
gebastelt und ich hatte ihm dabei über die Schulter gesehen. Das
schlimmste war ja immer die Röhrenheizung.
C.O.: Warum war das ein so besonderes Problem?
C.S.: Es gab ja nichts, auch keine Bleche für Trafos. Da haben wir
alte Drosseln genommen und über die Drossel neue Wicklungen gelegt
und so die Spannung für die Heizung abgenommen. So haben wir aus
einer Drossel einen Trafo gemacht. Die 220 Volt haben wir als
Anodenspannung genommen. Gleichrichter hatten wir. Das Gehäuse wurde
von einem Modelltischler für 60 RM gebaut. Den kannte ich, da ich
schon einige Zeit vorher begonnen hatte, auch privat Rundfunkgeräte
zu erstellen. Denn von 50 RM in der Woche konnte man kaum leben. Ich
erklärte Herrn Dr. Hell, dass ich mein Material über Beziehungen zur
Firma Elac bezöge. Bei der Elac mussten Arbeitslose Geräte
demontieren und ich zahlte für ein Kilogramm Elektromaterial 10 RM.
Ich habe dann bei Dr. Hell fünf Geräte gebaut, diese wurden an die
Handwerksbetriebe verschenkt wurden, die uns während der Aufbauphase
unterstützt hatten.
C.O.: Es ging bei den Radios also noch gar nicht darum, Geld zu
verdienen, es sollte erst einmal die Firma aufgebaut werden.
C.S.: Ja, es ging nicht um Profit; es ging darum, Kontakte zu
knüpfen. So ging das auch nur ein paar Wochen, dann war die
Radiogeschichte zu Ende. Im März 1947 kam Dr. Hell zu mir und sagte,
dass wir am 1. April Mitarbeiter einstellen würden. Er stellte ein
Sekretärin ein, Fräulein Möller, die spätere Frau Prestin, die ja
bis zum Schluss die Sekretärin von Dr. Hell war. Neben Herrn Daudt,
der später das Konstruktionsbüro geleitet hatte, wurde noch Herr
Willrodt als erster technischer Zeichner eingestellt.
C.O.: Mehr Menschen wollten jetzt also beschäftigt werden, das ganz
ohne neue Produkte, ohne Material, ohne Werkzeuge, und nur eine
kleine Drehbank?
C.S.: Bei Aufräumungsarbeiten in Wellingdorf fanden wir bei einer
Firma, die es schon nicht mehr gab, alte Maschinen, eine Fräsbank,
eine Säulen-Bohrmaschine und einen Schleifstein. Diese Maschinen
konnte Dr. Hell bekommen. Von Herrn Westphal, dem ehemaligen
Direktor von HDW, erhielten wir noch zwei U-Boot-Drehbänke, die
waren ganz neu und vollständig mit allem Zubehör versehen. Diese
Maschinen mussten ja für ein U-Boot ganz besonders vielseitig sein.
Bisher musste ich die Drehstähle, also die Werkzeuge für unsere
kleine Mechanikerbank, aus Vierkantfeilen schleifen, denn schmieden
und härten konnten wir ja noch nicht.
Dann gab es auf dem alten Marinearsenal einen Signalturm, der sollte
gesprengt werden. Darin lag aber jede Menge neues Elektromaterial.
Für Bezugsscheine und mit Ausweis konnte man pro Person für 50 RM 50
Pfund Material mitnehmen. Das hatte ich erfahren und sofort fuhr ich
mit Dr. Hell in seinem alten DKW dorthin. Da man mich dort von
früher kannte, bekam ich den Schlüssel und wir konnten uns
aussuchen, was wir brauchten. Instrumente, Schalter, Bauteile, alles
war da. Da wir beim Betreten des Arsenals mit dem Auto gewogen
wurden, hatte wir die schwierige Entscheidung zu treffen: Was
sollten wir mitnehmen? Da wir sehr viel geladen hatten, stieg ich
sicherheitshalber nicht mit ins Auto ein, sodass mein Gewicht beim
Wiegen wegfiel. Das fiel niemandem auf, nur Dr. Hell nannte mich ein
Schlitzohr. Das Arbeiten im Labor war nicht einfach. Die
Netzspannung fiel oft auf 180 Volt ab. Damit konnten wir nicht
einmal löten. So haben wir hauptsächlich dann gearbeitet, wenn
Howaldt Mittagspause machte, da stieg die Spannung wieder an. Unsere
Pausen haben wir entsprechend verlegt. Auf dem Arsenal hatten wir
dann aber einen leistungsstarken regelbaren Drehstromtrafo gefunden.
Das war für uns die Lösung für das Spannungsproblem. So konnten wir
auch dann arbeiten, wenn wegen der Belastung bei Howaldt die
Netzspannung zu stark absackte.
C.O.: Ich entnehme Ihren Worten, dass es jetzt schon mindestens 5
bis 10 Mitarbeiter bei Hell gab. Da braucht man doch auch ein
Telefon, eine Schreibmaschine, Material, um konstruieren zu können
usw. Schließlich mussten die Ideen erst einmal aufs Papier gebracht
werden, bevor man etwas bauen und verkaufen konnte.
C.S.: Unten war ja noch die Post im Hause. Bei der Post konnten wir
telefonieren, ohne das Haus zu verlassen. Damals gab es noch das
Fräulein vom Amt, das die Verbindungen herstellte. Man musste die
Leitungen noch stöpseln. Für die Konstruktion fehlten
Zeichenbretter, das war aber auch kein Problem, die Leute brachten
ihre Bretter von zu Hause mit. Ebenso war es mit dem Werkzeug. Wir
hatten ja nichts. Ich musste mein ganzes Werkzeug mitbringen. Und
weil ich es auch zu Hause brauchte, musste ich es jeden Tag hin- und
herschleppen. Als ich die Möglichkeit hatte, Werkzeuge zu besorgen,
sagte Dr. Hell: „Kaufen! Immer kaufen.” Das Geld spielte, obwohl Dr.
Hell anfangs ganz schön knapp dran war, später keine so große Rolle
mehr, es war noch Reichsmarkzeit. Ich kaufte also Feilen, Hammer,
Zangen, Bohrer, eine Bohrmaschine.
C.O.: Und so etwas gab es damals für Geld? Ich denke, man konnte nur
auf dem Schwarzen Markt etwas gegen Zigaretten oder Lebensmittel
eintauschen.
C.S.: Doch, das gab es auch für Geld, aber wir mussten ganz schöne
Summen hinlegen. In Kiel gab es auch Tauschzentralen, kennen Sie
die?
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C.O.: Ja, die gab es ja überall im Land. Man musste nur aufpassen,
dass man da nicht betrogen wurde, dass also in einem Wollknäuel
innen kein Zeitungspapier steckte.
C.S.: Ja richtig, so eine Tauschzentrale hatten wir am Alten Markt,
das war Kloppenburg. Man tauschte etwas und musste dafür eine Gebühr
bezahlen. So habe ich in der Tauschzentrale ein Multavi-2 bekommen.
Dann fand ich noch eine Kapazitätsmessbrücke, so kamen wir zu
unseren ersten Instrumenten. Zum Tauschen hatte ich nichts. Da die
Sachen nicht sehr begehrt waren, bekam ich sie auch für Geld.
Samstags war grundsätzlich mein Beschaffungstag. Eigentlich hatten
wir bei Dr. Hell eine sechs-Tage-Woche, aber Dr. Hell hatte am
Sonnabend keine Lust zu arbeiten. Somit hatte auch ich Samstags
einen bezahlten freien Tag den ich zum Rumstöbern nutzte. Ich habe
die Schrotthändler abgeklappert, habe Messing und Buntmetalle
besorgt, alles an Rohmaterial, was ich bekommen konnte, wir hatten
ja nichts.
C.O.: Die Radioproduktion war ausgelaufen, andere Mitarbeiter kamen
hinzu. Es musste also etwas anderes gewesen sein, womit jetzt die
Mitarbeiter beschäftigt wurden.
C.S.: Es waren ja noch keine Leute für die Produktion da, ich war
noch ganz allein. Die anderen zeichneten und konstruierten. Das
Arbeitsgebiet von Dr. Hell vor dem Krieg waren ja Nachrichtengeräte,
der Hellschreiber und Morse-Geräte. Seit Mai 1947 – glaube ich – ab
es wieder eine gewisse Pressefreiheit. Die vorher von der Besatzung
eingesammelten und in Hamburg eingelagerten Hellschreiber wurden
jetzt von der dpa an viele Zeitungen verteilt. Da kam Herr Dr. Hell
zu mir herein und fragte: „Wir sollen den Wartungsdienst für die
Hellschreiber übernehmen, trauen Sie sich das zu?” Die dpa hatte
selbst 20 Angestellte, aber die schafften das nicht.
Um den Wartungsdienst aufnehmen zu können, erhielten wir von der dpa
eine komplette Austauschanlage. Beim Abholen in Hamburg wies Dr.
Hell mich darauf hin, dass auf keinen Fall bekannt werden dürfte,
dass wir beide die einzigen Techniker waren.
C.O.: Das klingt typisch nach Dr. Hell. Die Kunden durften niemals
wissen, wie die Probleme intern gelöst wurden.
C.S.: Schon auf der Hinfahrt nach Hamburg, in dem alten DKW, einem
Zweitakter und noch mit Speichenrädern, wunderte ich mich über den
Eimer hinter dem Beifahrersitz. Als wir etwa in Neumünster waren,
fing das Auto vorne an zu qualmen. Da sagte Dr. Hell: „Wir müssen
eine Tankstelle anfahren. Ich brauche Wasser für den Kühler.”
C.O.: Und dafür hatte er also immer den Eimer dabei?
C.S.: Genau. Ich sagte, ich hätte noch eine Gießkanne, so eine alte
Zinkkanne, die würde ich mitbringen. Das wäre aber nett, meinte Dr.
Hell. Wir also hin zur Tankstelle, da sehe ich mir den
Kühlerverschluss an, so etwas Vergammeltes, alles voller Grünspan
und Kalk und undicht! So was hatte ich noch nie gesehen. Da sagte
ich: „Wenn wir zu Hause sind, löte ich das vernünftig, so geht das
doch nicht.” – „Meinen Sie, dass Sie das können?„ – ”Warum nicht?
Einen großen Lötkolben haben wir doch schon besorgt.” Am Folgetag
versuchte ich, das Auto zu reparieren, aber beim Löten wollte das
Zinn einfach nicht binden. So musste ich den Kühler ausbauen. Die
Schrauben konnte ich nicht lösen, ich musste sie aufschlagen. Als
ich den Kühler wieder einbaute, kam Frau Hell. Sie fragt mich, wie
es ginge. Ich sagte, ich müsste nur noch zu HDW rüber um ein paar
Schrauben zu holen. Sie lief sofort zurück und sehr schnell kam Dr.
Hell: ”Was wollen Sie? Sie wollen Schiffsschrauben holen von HDW?”
Das Missverständnis konnte schnell geklärt werden und wir haben
gelacht. Das Auto lief wieder und der Eimer konnte zu Hause bleiben.
So fuhren wir dann alle anderen Zeitungen an, in Lübeck, Hamburg,
Uelzen, Husum, Flensburg usw., und wir haben überall einen
Wartungsvertrag abgeschlossen, 75 RM pro Monat. Dr. Hell freute
sich, dass er wieder eine Aufgabe hatte. Wenn wir unterwegs in
Restaurants gegessen hatten, bezahlte immer Herr Dr. Hell, ich hatte
die Lebensmittelkarten beschafft, ohne die hätten wir nichts
bekommen.
Als ich eines Tages zu einem Notfall nach Flensburg gerufen wurde,
ich hatte noch immer keinen Führerschein und öffentliche
Verkehrsmittel standen nicht zur Verfügung, hatte mich Frau Hell
hingefahren. Sie wartete draußen, bis ich meine Arbeit beendet
hatte. Als ich wieder zum Wagen kam, stand dieser ganz schräg. „Herr
Sütel, wir haben Plattfuß.” Bei dem Versuch den Reifen zu wechseln,
war Frau Hell gescheitert, so dass ich es machte.
C.O.: Kennen Sie irgendwelche Hobbys von Herrn Dr. Hell, die er zu
der Zeit schon pflegte, sofern er dafür überhaupt Zeit hatte,
vielleicht das Segeln?
C.S.: Gesegelt hatte er damals noch nicht. Aber Dr. Hell war ein
begeisterter Motorradfahrer. Dazu fällt mir eine nette Geschichte
ein, die Dr. Hell gern selbst zum Besten gab. Zum Wochenende war Dr.
Hell oft mit seiner Frau Martha auf dem Motorrad auf Tour. Unterwegs
redete und redete er mit seiner Frau, aber sie antwortete nicht.
„Aber das war ja so bei meiner Frau,” erzählte früher Dr. Hell, „sie
war ja oft schweigsam und antwortete nicht immer sofort.” Doch als
er sich dann umsah, musste er feststellen, dass seine Frau gar nicht
mehr hinter ihm saß. Sie hatte sich wohl beim Anfahren nicht richtig
festgehalten, zum Glück war nichts Ernsthaftes passiert.
Als Herr Dr. Hell bei einem unserer Kollegen dessen nagelneue BMW
sah, war er so fasziniert, dass er sofort eine Probefahrt machen
wollte. Und so drehte er ein paar Runden um die Firma. Auch als
Autofahrer war Dr. Hell immer sehr schnell. Das Segeln kam erst
später. Zuerst gründete er bei uns unten an der Schwentine einen
Jugend-Segelklub für die Lehrlinge, dazu haben ihn auch andere
gebracht, wie z.B. Hein Dahlinger.
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C.O.: Hatte er da schon seine Segeljacht Bavaria?
C.S.: Die erste Bavaria, er hatte vier Jachten in der ganzen Zeit,
kam erst später. Was wir da alles eingebaut haben, die Schiffe waren
voll gestopft mit Elektronik, soviel, dass die Wasserlinie bald zu
tief
lag.
C.O.: Eine weitere Frage stellt sich, die nach dem Raum. Die Firma
wuchs, dafür brauchte man auch mehr Platz. Wie konnte das Problem
gelöst werden?
C.S.: Mittlerweile zogen die anderen Firmen aus dem Gebäude in
Dietrichsdorf aus. Das war ein Grund, dass Dr. Hell dort blieb,
obwohl er zwischendurch mal kurz an Lübeck gedacht hatte. Und dann
hatten wir uns auch schon eingelebt, wir hatten ja in Kiel zwei
wichtige Kunden, die Kieler Nachrichten und die Volks-
zeitung, bei denen wir oft waren. Diese beiden Zeitungen und auch
die anderen 13 Betriebe, mit denen wir inzwischen einen
Wartungsvertrag abgeschlossen hatten, verfügten über einen
Fernschreibraum. Da standen auch die Hellschreiber. Die dort
Beschäftigten waren fast alle ehemalige Funker und Offiziere. In
Hamburg bei der Zentrale der dpa stand der Hellschreiber-Sender. Das
war ein Lochstreifengesteuertes Gerät. Der endlose schmale
Papierstreifen, der bei den Zeitungen aus dem
Hellschreiber-Empfänger lief, wurde über eine Schreibmaschine
geführt und die Leute mussten den Text lesen und abschreiben, eine
mühselige Arbeit.
Wir versuchten, die Arbeit zu erleichtern. So bauten wir zunächst
eine Aufwickeleinheit für die Streifen.
Ferner war das Einfärben der Walzen des Schreibers, was per Hand
durchgeführt werden musste, eine Schmutzarbeit. Die Farbe hat man
von den Fingern kaum entfernen können, sie war schlimmer als Teer.
Wenn beim Drucken die Farbe wieder nachließ, musste eine neu
eingefärbte Walze eingelegt werden.
C.O.: Es gab also offenbar beim Hellschreiber keine permanente
Farbzufuhr für die Schreibwalze, ist das richtig?
C.S.: Ja, man hatte fünf Walzen, die man von einer Schachtel in die
nächste legte, damit überschüssige Farbe abtropfen konnte. Wir haben
uns dafür dann ein paar Erleichterungen ausgedacht. Wir bauten z.B.
Einfärbvorrichtungen und Zangen zum Anfassen, zunächst 10 Stück. Die
Sachen musste ich dann bei den Kunden verkaufen, 65 RM kostete die
Zange, die Einfärbvorrichtung kostete über 300 RM. Die Zeitungen
haben gestöhnt, es war so teuer.
Später haben wir für die Hellschreiber einen neuen Funkempfänger,
den HE 5, gebaut, (Hellschreiber-Empfänger). Kurz vor der
Währungsreform wurden die ersten Geräte fertig. Damals sollten sie
5500 RM kosten. Nach der Währungsreform verblieb nur noch ein Preis
von DM 550. Die ersten fünf Geräte reichten
nicht aus, so mussten eine zweite Serie auflegt werden. Der neue Typ
hieß dann HE 6 und kostete 650 DM.
C.O.: Dann war das neue Gerät auch besser als der HE 5?
C.S.: Nein, das kann man nicht sagen, es bekam eigentlich nur eine
andere Farbe. Plötzlich erfuhren wir, dass in Hamburg bei der Ufa
noch 110-Volt-Hellschreiber standen. Dr. Hell hatte die Geräte in
Hamburg abgeholt. Wir wollten die Geräte dann für 220 Volt umbauen.
Da gab es verschiedene Möglichkeiten, z.B. mit einem Trafo. Als ich
dann die Rückwand des Geräts abnahm, sah ich, dass nur ein Schalter
umzulegen war. Keiner hatte gewusst, dass die Geräte umschaltbar
waren, denn sie wurden ja vor dem Krieg zu Tausenden bei Siemens und
nicht bei Hell gefertigt.
Ich machte zu der Zeit einfach alles, ich war gleichzeitig Service-
und Vertriebsmann, Konstrukteur, Einkäufer, Verkäufer. So sollte ich
auch diese Geräte verkaufen.
C.O.: Wie sind Sie denn damals immer zu den Kunden gekommen, mit dem
Bus oder Zug? Einen Führerschein hatten Sie doch nicht, wie Sie eben
berichteten.
C.S.: Ja, mit dem Bus. Über der Schulter hatte ich immer an einem
Riemen vorne einen Hellschreiber und hinten einen Funkempfänger als
Austauschgeräte bei mir. Meine Werkzeugtasche hatte ich in der Hand.
Und so war ich unterwegs, jede Woche, viele Tage.
Dann meldete sich wieder die dpa. Auch im Saarland seien
Hellschreiber freigegeben. So musste ich auch dorthin, mit dem Zug
natürlich. Wieder mit einer kompletten Anlage im Handgepäck bin ich
also losgefahren und machte von Koblenz aus eine Rundreise.
C.O.: Ich kann mir fast vorstellen, wie das so weiterlief und ich
bin sicher, dass Sie noch viele interessante und aus heutiger Sicht
vielleicht auch lustige Details erzählen könnten. Ich möchte das
Thema dennoch wechseln. Wie wurden Sie damals bezahlt? Gab es
Spesen, Reisekostenersatz usw.?
C.S.: In dem Moment, in dem ich unterwegs war, bekam ich 10 Pfennige
mehr in der Stunde. Dann bekam ich ein Tagesgeld von 6 RM und ein
Übernachtungsgeld von 8 RM, so war das noch vor der Währungsreform.
Das natürlich zusätzlich zu meinem Lohn.
C.O.: Konnte man für 8 RM übernachten?
C.S.: Das war sehr schwierig, aber sehr oft haben die Zeitungen dann
die Übernachtung bezahlt. Meinen Wochenlohn gab es immer freitags,
doch Dr. Hell vergaß häufig mich auszuzahlen, sodass ich ihn oft
erinnern musste. Bezahlt wurde grundsätzlich in bar.
Ich bekam also jede Woche 50 RM, was eigentlich zu viel war. Nun
fing ja Helga Möller am 1. April 1947 bei uns an. Sie musste meinen
bisherigen Lohn aufrechnen. Sie kam eines Tages sie zu mir und
sagte: „Herr Sütel, Sie müssen jetzt eine Woche umsonst arbeiten.
Sie haben zu viel Geld bekommen. Dr. Hell hat Ihre Steuern,
Krankenkasse, Arbeitslosengeld, einfach alles hat er an Sie
ausgezahlt und nichts einbehalten” Dann kam Dr. Hell dazu und sagte:
„Wir vergessen alles und fangen ganz neu an.” Seit dieser Zeit gab
es dann auch regelmäßig Abrechnungen. Ich musste natürlich nicht
eine Woche umsonst arbeiten.
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C.O.: Machen wir noch einen kleinen Sprung. Bisher ging es ja
wesentlich um den Hellschreiber, noch gab es offenbar keine wirklich
neue Idee, die in die Praxis umgesetzt wurde.
C.S.: Die erste neue Idee war die, einen Schreiber für die
Morse-Empfänger zu entwickeln, die ja überall noch für die
Nachrichtendienste im Einsatz waren. Die Funker waren ja noch da,
sie kannten ja alle das Morse-Alphabet. Manche Morse-Stationen
sendeten aber, weil sie von Lochstreifen gesteuert wurden, weit mehr
als 150 Zeichen in der Minute, und das konnte auch ein guter Funker
nicht mehr mitschreiben. Also wollte man eine Maschine für die
Aufzeichnung der Signale haben. Diese Maschine, die wir dann bauten,
schrieb dann also Punkte und Striche auf ein Papier, und das konnten
die ehemaligen Funker später lesen und mit einer normalen
Schreibmaschine in Buchstaben umsetzen. Die Post wollte fünf Geräte
haben, auch noch ein paar Zeitungen brauchten welche. Die Serien
waren damals noch immer sehr klein.
C.O.: Der Hellschreiber schrieb also Buchstaben auf einen
Papierstreifen, der Morse-Empfänger
Punkte und Striche, die noch von Funkern auf Normalpapier und in
lesbare Buchstaben
übertragen werden mussten. Bis zu den heute bekannten großen
Erfolgen der Nachkriegs-
zeit war also noch ein großer Schritt zu gehen.
C.S.: Ja, aber dann gab es bald fünf neue Mustergeräte, die bei uns
noch vor der Währungsreform, die war ja im Juni 1948, entwickelt
wurden. Eigentlich waren dies die ersten Blattschreiber von Hell.
Mit diesen Geräten wurden die Signale für den alten
Streifen-Hellschreiber umgewandelt und die Buchstaben wurden
erstmals zeilenweise untereinander auf Endlospapier geschrieben.
Über ein Farbband wurde durch Druckelemente die Einfärbung auf dem
Papier verursacht. Es mussten also keine Farbwalzen mehr eingefärbt
werden und man hatte als Ergebnis sofort ein großes Blatt Papier,
auf dem die empfangene Nachricht aufgezeichnet war. Fünf Geräte
haben wir sofort in Schleswig-Holstein an Zeitungen verkauft, dann
wurde die Fertigung von Siemens übernommen. Die Serienfertigung
begann dann um 1949, also nach der Währungsreform. Die Hellschreiber
mit den Papierstreifen wurden in einer abgewandelten Form später
auch noch für die Bundesbahn gebaut. Damit haben sich die
Bahnstationen untereinander verständigt. Auch dieses Gerät wurde von
Siemens übernommen und dort gefertigt.
C.O.: Die Währungsreform war vorüber und es ging überall wieder
bergauf. Man hatte endlich wieder wertvolles Geld, zumal die Löhne
und Gehälter im Gegensatz zum Geldvermögen auf der Bank nicht 1:10
reduziert wurden, sondern im Verhältnis 1:1 weitergezahlt wurden.
Plötzlich gab es wieder Waren zu kaufen. Bei Hell kamen dann doch
sehr schnell ganz neue Geräte wie Faxsysteme, der Klischograph und
Scanner. Können Sie zu diesen Entwicklungen etwas sagen?
C.S.: Noch vor der Währungsreform tauchte Herr Mebes bei uns auf. Er
brachte einen Lkw mit Teilen für Telebildgeräte mit, ich weiß nicht
woher. Aus diesen Teilen konnten wir tatsächlich ein
Telebildempfänger zusammenbauen. Dann mussten wir uns mit den
Japanern über die Frequenzen einigen, dafür reiste Herr Mebes nach
Japan. Denn wenn man weltweit Bilder übertragen wollte, musste man
sich auf eine Norm einigen. Als wir schließlich eine Anlage fertig
hatten, gab es in Kiel eine Pressekonferenz, dort waren etwa 20
Schweden, 25 Holländer, viele Deutsche und andere. Dort wurde das
Telebildsystem vorgeführt. Alle waren begeistert, nur ein Holländer
nicht, der seinen Zeitungsbetrieb auf dem Lande hatte. „Wenn ich ein
aktuelles Titelbild habe,” sagte der Mann, „dann muss ich damit ja
doch erst nach Amsterdam zur Klischeeanstalt. Da nützt mir die
schnelle Übertragung auch nichts. Ebenso schnell kann ich mir dann
die Bilder auch bei der Agentur aussuchen und benötige keinen
eigenen Telebildempfänger.” Dr. Hell antwortete daraufhin sofort:
„Ich baue Ihnen eine Maschine, damit Sie von dem empfangenen Bild
sofort auch zu Hause ein Klischee erstellen können.” Das erste von
Herrn Mebes gefertigte Telebild-Empfangsgerät. Entwickelt wurde es
für die Deutsche Bundespost. Es wurden lediglich fünf Geräte
gefertigt. In Deutschland konnten Telebilder ausschließlich von der
Bundespost gesendet und empfangen werden.
C.O.: Hat Dr. Hell in diesem Moment
schon an das Gravieren eines Klischees gedacht?
C.S.: Das weiß ich nicht, aber er wusste, dass es früher schon
Versuche gegeben hatte, ein Klischee zu gravieren. Auch die anderen
Interessenten machten dann den Kauf des Telebildgerätes von der
Zusage der Graviermaschine abhängig. Und so entstand die erste
Graviermaschine: der Klischograph K 151.
C.O.: Hieß die Maschine so, weil gerade das Jahr 1951 geschrieben
wurde?
C.S.: Das kann sein, aber das weiß ich nicht genau. Da das Gerät
eigentlich noch gar nicht entwickelt war, stellten wir den Kunden
als Zwischenlösung ein Holzmodell vor. Als die Kunden das sahen,
kauften sie die Telebildgeräte, obwohl es die Graviermachine für die
Klischees ja noch gar nicht gab. Die Nachfrage was so groß, dass sie
kaum von uns zu erfüllen war. So hatte ein ganz neues Gerät den
Verkauf eines schon vorhandenen Gerätes erst so richtig beflügelt.
Herr Taudt, später ja Leiter der gesamten Entwicklung, war schon
1948 als 20. Mitarbeiter eingestellt worden und übernahm bald die
Entwicklung des Klischographen. Dafür benötigte er zur Ansicht alte
Zink-Klischees und bat mich, diese aus Flensburg mitzubringen.
C.O.: Gemeint waren also die noch geätzten Zink-Klischees, wie sie
damals bei Zeitungen üblich waren.
C.S.: Ja, die geätzten Platten. Die Leute von der Flensburger Avis,
der dänischen Zeitung, wunderten sich, wofür ich denn diese alten
Klischees benötigte. Sie konnten sich kaum vorstellen, dass so eine
Maschine entwickelt werden sollte. Und dann begann zu Hause die
Entwicklung des Klischographen K 151. Graviert wurde dann aber doch
auf Nolar-Folie.
C.O.: Ist Nolar nicht ein Kunstwort? Wie kam es zu diesem Namen?
C.S.: Bei Hell gab es oft Preisausschreiben, um Namen für die
Produkte zu finden. Wir benutzten für den ersten Klischographen K
151 statt der Zinkplatten dann Astralon-Platten, das war ein
Kunststoff. Da die Kunden das nicht wissen sollten, wurde in einem
Preisausschreiben für die Platten der Name Nolar gefunden. Es waren
die letzten Buchstaben von Astralon, einfach rückwärts gelesen. Auch
der Name
Klischograph entstand über ein solches Preisausschreiben. Als Preise
gab es mal Geld, oder mal einen Elektrokocher oder andere Sachen.
Aber lassen Sie mich erzählen, wie wir dann die Klischographen
auslieferten. Da ich sehr viel unterwegs war und noch immer keinen
Führerschein hatte, meinte Herr Dr. Hell, dass es an der Zeit wäre
einen zu machen. Es wollte ihn bezahlen. Schon am selben Tag ging es
los. Das war 1953. Im Januar 1954 hatte ich dann also den
Führerschein gemacht und sofort musste ich mit dem VW-Bus los. In
einen solchen Bus passten zwei Geräte des K 151. Da der Boden des
Autos aber für eine so schwere Punktbelastung nicht geeignet war,
der schwere Klischograph stand ja nur auf vier Füßen, mussten wir
eine große Eisenplatte auf den Boden legen. Die erste Reise, die ich
machen musste, führte
mich nach Burgdorf und nach Passau. Burgdorf liegt bei Bremen und
Passau am ganz anderen Ende von Deutschland. Jeder Kunde
wollte das erste Gerät haben. Ich musste schwindeln wie noch nie,
jeder bekam also immer das erste Gerät. Fast 50 Kunden haben so das
erste Gerät bekommen. Ich musste nicht nur die Geräte aufstellen und
die Leute einweisen. Wir hatten auch Probleme mit Chemigraphen, die
sich gegen die Maschinen wehrten. Ich musste dann während eines
Streiks, der sich gegen unsere Maschinen richtete, sechs Wochen lang
für die Düsseldorfer Zeitung die Klischees schneiden. Die Zeitung
sammelte damit die besten Erfahrungen und war an der alten
Ätztechnik nun gar nicht mehr interessiert. Es war ja auch eine
Frage der giftigen Gase für die Mitarbeiter, gefährlich konnte die
Chemie auch sein.
Die erste Klischographen-Serie bestand also aus 50 Maschinen. Auf
der Drupa 1954 wurden die Geräte der Öffentlichkeit vorgestellt. Ich
musste für den Stand der Heidelberger Druckmaschinen AG Klischees
gravieren, mit denen dann die Heidelberger ihre Messezeitungen
gedruckt hatten. Selbst der Bundespräsident Heuss war begeistert,
als er sein Foto 30 Minuten nach der Aufnahme gedruckt sehen
konnte. So ging es dann weiter, wir lieferten, die Kunden sammelten
Erfahrungen. Es kamen neue Wünsche, die Dr. Hell wieder in neue
Ideen und neue Geräte umsetzte. Das Gebäude in Dietrichsdorf wurde
erweitert, zuerst wurde der eine und später der andere Flügel an das
alte Haus angesetzt. Auch das Personal wurde jetzt sehr schnell
aufgestockt. Es gäbe noch so viel zu erzählen. Wie auf dem
Windjammer Christian Radich Hell-Wetterkartengeräte zum Einsatz
kamen oder wie ein Klischograph K 155 auf einem Kreuzfahrer
eingesetzt wurde. Auch über die soziale Seite von Dr. Hell
müsste man noch etwas sagen. Er baute Wohnungen für seine
Mitarbeiter, er gründete für alle eine Altersfürsorge-Versicherung.
Ich erinnere mich gern an die vielen Betriebsfeste, von denen ja
auch einige auf einem Schiff stattfanden. Die Tatsache, für so einen
Mann wie Dr. Hell zu arbeiten, der den Kopf und die Schubladen
voller Ideen hatte, das war für mich und die meisten der Kollegen
eine Freude. Der Begriff Hell-Familie, wie er ja Jahre lang im Kreis
der Mitarbeiter umherging, spiegelt dieses Gefühl wohl am besten
wider.
C.O.: Ich kann, obwohl ich ja erst 1963 dazugestoßen bin, das
bestätigen und habe auch noch solche Feste mitgemacht. Wir können ja
vieles inzwischen nachlesen. Es gab sehr bald ganz neue
Gerätefamilien. Aus den Klischographen entwickelten sich die
Tiefdrucksysteme und die Scanner. Bald darauf kam der Digiset. Und
viele andere Entwicklungen sind hier noch gar nicht angesprochen
worden, wie die Matrizengeräte, die Faxgeräte, die
Wetterkarten-Übertragungsgeräte und auch viele kurzlebigere
Spezialentwicklungen. Man kann vieles in der Broschüre »Auf den
Punkt gebracht ...« nachlesen. Und
dennoch, glaube ich, würden wir noch vieles nicht erwähnt haben, was
wichtig und interessant oder nur lustig gewesen wäre.
Lieber Herr Sütel, ich danke Ihnen für das Gespräch. Ich glaube, wir
können uns jetzt viel besser vorstellen, wie damals aus dem Nichts,
oder besser gesagt, wie aus ein paar Materialkisten nach dem Krieg
und vielen Ideen sowie einer großen Portion an Organisationsvermögen
und Improvisation diese große und großartige Firma entstanden ist. |